Konstruktives Misstrauensvotum
Sehr geringe MachbarkeitMechanismus
Das Parlament bringt einen konstruktiven Misstrauensantrag gegen die geschäftsführende Regierung ein, begleitet von einem Kandidaten oder einer Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten und einem Programm
Wer kann dies auslösen
Eine absolute Mehrheit der Parlamentarierinnen und Parlamentarier in jeder der beiden Sprachgruppen des Brüsseler Parlaments
Zeitrahmen
Sofort
Rechtsgrundlage
Sondergesetz vom 12. Januar 1989, Artikel 36 — das Parlament kann die Regierung stürzen, sofern es gleichzeitig einen Nachfolger vorschlägt
Risiken
- Eine Mehrheit ist gleichzeitig in BEIDEN Sprachgruppen erforderlich — äußerst schwer zu erreichen
- Wurde auf Ebene der Region Brüssel-Hauptstadt noch nie angewandt
- Die geschäftsführende Regierung ist technisch gesehen nicht 'im vollen Amt', was eine rechtliche Zweideutigkeit schafft
- Risiko einer institutionellen Krise, falls die Zulässigkeit des Antrags angefochten wird
Das Konzept
Das konstruktive Misstrauensvotum ist ein parlamentarischer Mechanismus, der es ermöglicht, eine Regierung zu stürzen, sofern gleichzeitig ein Nachfolger vorgeschlagen wird. Im Gegensatz zu einem einfachen Misstrauensvotum (das lediglich stürzt) verpflichtet der konstruktive Antrag die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, eine konkrete Alternative vorzulegen: einen Kandidaten oder eine Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten und ein Programm.
Dieser Mechanismus ist vom deutschen Modell inspiriert (Artikel 67 des Grundgesetzes, konstruktives Misstrauensvotum) und wurde in das belgische Recht eingeführt, um Machtkrisen ohne Ausweg zu verhindern.
Rechtsgrundlage in Brüssel
Artikel 36 des Sondergesetzes vom 12. Januar 1989 über die Brüsseler Institutionen sieht diesen Mechanismus vor. Der Text bestimmt, dass das Brüsseler Parlament ein konstruktives Misstrauensvotum abhalten kann, sofern:
- Es von einer absoluten Mehrheit der Mitglieder jeder Sprachgruppe unterzeichnet ist
- Es einen Kandidaten oder eine Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten benennt
- Eine Bedenkzeit zwischen Einreichung und Abstimmung eingehalten wird
Quelle: Sondergesetz vom 12. Januar 1989 über die Brüsseler Institutionen, Artikel 36, abgerufen am 7. Februar 2026.
Wie es theoretisch funktionieren würde
Schritt 1: Bildung einer Mehrheit
Parlamentarierinnen und Parlamentarier beider Sprachgruppen einigen sich auf einen Kandidaten oder eine Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten und ein Regierungsprogramm. Sie verfassen einen formellen Antrag.
Schritt 2: Einreichung des Antrags
Der Antrag wird beim Präsidium des Brüsseler Parlaments eingereicht, unterzeichnet von einer absoluten Mehrheit in jeder Sprachgruppe. Das Parlament setzt einen Abstimmungstermin unter Einhaltung der Regelfrist fest.
Schritt 3: Die Abstimmung
Das Parlament stimmt über den Antrag ab. Wird er angenommen, wird die amtierende Regierung automatisch durch den im Antrag benannten Kandidaten ersetzt, der daraufhin eine neue Regierung bildet.
Warum dieser Mechanismus in Brüssel nie angewandt wurde
Obwohl der Mechanismus rechtlich existiert, wurde er auf Ebene der Region Brüssel-Hauptstadt noch nie aktiviert. Die Gründe sind vielfältig:
1. Das Hindernis der doppelten Mehrheit
Dies ist die schwerwiegendste Einschränkung. Der Antrag muss eine absolute Mehrheit in beiden Sprachgruppen gleichzeitig versammeln:
- Frankophone Gruppe: 37 Stimmen von 72 (absolute Mehrheit)
- Niederländischsprachige Gruppe: 9 Stimmen von 17 (absolute Mehrheit)
Diese beiden Mehrheiten um denselben Kandidaten und dasselbe Programm zu versammeln, erfordert ein übergreifendes Abkommen — genau das, was die klassischen Koalitionsverhandlungen nicht hervorbringen konnten.
Quelle: Brüsseler Parlament — Zusammensetzung und Sprachgruppen, abgerufen am 7. Februar 2026.
2. Die Zweideutigkeit der geschäftsführenden Regierung
Das konstruktive Misstrauensvotum ist darauf ausgelegt, eine Regierung im vollen Amt zu stürzen. Die derzeitige Regierung befindet sich im Modus der laufenden Geschäfte — eine faktische, keine rechtliche Situation. Die Frage der rechtlichen Zulässigkeit eines Antrags gegen eine Regierung, die ihre Befugnisse nicht voll ausübt, wird unter Verfassungsrechtlerinnen und Verfassungsrechtlern diskutiert.
3. Das Fehlen eines Präzedenzfalls
Selbst auf Bundesebene wurde das konstruktive Misstrauensvotum (Artikel 96 der Verfassung) nie erfolgreich angewandt. Der einzige vergleichbare Fall ist der gescheiterte Versuch von 1925, noch vor der formellen Einführung des konstruktiven Mechanismus.
Quelle: Crisp — Parlamentarische Kontrollmechanismen in Belgien, abgerufen am 7. Februar 2026.
Das deutsche Modell: ein Vergleichspunkt
In Deutschland wurde das konstruktive Misstrauensvotum zweimal erfolgreich eingesetzt:
- 1972: Versuch gegen den Bundeskanzler, knapp gescheitert
- 1982: Erfolgreicher Antrag, der einen neuen Bundeskanzler an die Macht brachte und den Amtsinhaber ersetzte
Das deutsche System ist jedoch grundlegend anders: Es gibt keine doppelte sprachliche Mehrheit, die Zahl der Parteien ist begrenzter, und die politische Kultur akzeptiert diese Art von Mechanismus eher.
Quelle: Bundestag — Grundgesetz Artikel 67, abgerufen am 7. Februar 2026.
Die Voraussetzungen für einen Erfolg in Brüssel
Damit ein konstruktives Misstrauensvotum im Brüsseler Parlament Erfolg haben könnte, wäre Folgendes erforderlich:
- Ein vorheriges Abkommen zwischen frankophonen und niederländischsprachigen Parteien über einen Kandidaten und ein Programm — genau das, was bei den klassischen Verhandlungen fehlt
- Ein politischer Wille, den traditionellen Bildungsprozess zu umgehen
- Ein Rechtsgutachten, das die Zulässigkeit des Antrags gegen eine geschäftsführende Regierung bestätigt
- Ein auslösendes Ereignis, das stark genug ist, den Einsatz eines nie zuvor aktivierten Mechanismus zu rechtfertigen
Zusammenfassung
Das konstruktive Misstrauensvotum ist ein bestehendes, aber in Brüssel rein theoretisches Rechtsinstrument. Seine Anwendung würde voraussetzen, dass vorab genau jenes Problem gelöst wird, das die Regierungsbildung blockiert: die Versammlung einer doppelten sprachlichen Mehrheit um ein gemeinsames Programm. Es ist ein Instrument, das für Regierungskrisen konzipiert wurde, nicht für Bildungskrisen — was seine Relevanz im aktuellen Kontext erheblich einschränkt.
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