Wohnungswesen: eine Strukturkrise ohne politische Antwort
BlockiertDieses Dossier kann ohne eine neue Regierung nicht vorankommen.
62.234 Haushalte warten auf eine Sozialwohnung (historischer Rekord), der Wohnungsfonds hat alle Kredite ausgesetzt, und die Region kann kein neues Programm starten. Die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage vertieft sich jeden Monat.
Was das konkret bedeutet
Es kann kein neues Sozialwohnungsprogramm gestartet werden. Der Wohnungsfonds hat seine Kreditvergabe ausgesetzt. Die Warteliste (62.234 Haushalte) wächst jeden Monat ohne Möglichkeit einer strukturellen politischen Antwort.
Kennzahlen
62 234
Haushalte auf der Warteliste für Sozialwohnungen
42 000Einheiten
Sozialwohnungsbestand
412EUR/Monat
Durchschnittliche Sozialmiete
1 321EUR/Monat
Durchschnittliche Marktmiete (privat)
Ecoreno wieder aufgenommen, Erwerb ausgesetzt
Kredite des Wohnungsfonds
Ein Markt unter extremem Druck
Das Wohnungswesen in Brüssel befindet sich seit Jahren in einer Strukturkrise. Das Fehlen einer Regionalregierung seit Juni 2024 hat eine schwierige Lage in eine Sackgasse verwandelt: Kein neues Programm kann gestartet, keine größere Investition beschlossen, keine Reform verabschiedet werden.
Die historische Warteliste
Ende 2025 sind 62.234 Haushalte auf der Warteliste für eine Sozialwohnung eingetragen — ein absoluter Rekord. Das sind 10 % aller Brüsseler Haushalte. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt je nach Art der beantragten Wohnung 9 bis 13 Jahre.
Der Brüsseler Sozialwohnungsbestand umfasst rund 42.000 Wohnungen, die von 16 Öffentlichen Immobiliengesellschaften (SISP) verwaltet werden. Das Verhältnis ist einfach: Es gibt mehr wartende Haushalte als bestehende Wohnungen.
Die Mietlücke
Die Kluft zwischen dem sozialen und dem privaten Markt verdeutlicht die Dringlichkeit:
- Durchschnittliche Sozialmiete: 412 EUR/Monat (Ende 2024)
- Durchschnittliche Privatmiete: 1.321 EUR/Monat (1. Halbjahr 2025, +5 % im Jahresvergleich)
- Für eine Einzimmerwohnung: ca. 1.110 EUR/Monat Anfang 2026
Die Hälfte der Brüsseler Haushalte erfüllt die Zugangsvoraussetzungen für eine Sozialwohnung. Das Angebot deckt nur einen Bruchteil der Nachfrage.
Der Wohnungsfonds im Stillstand
Am 1. Juli 2025 hat der Wohnungsfonds alle neuen Kreditanträge ausgesetzt. Die geschäftsführende Regierung lehnte ein Darlehen von 50 Millionen Euro ab, wobei der Haushaltsminister die Weigerung anführte, die Verschuldung Brüssels zu erhöhen.
Ausgesetzte, dann teilweise wieder aufgenommene Leistungen
Am 1. Juli 2025 wurden alle Kredite ausgesetzt. Seit dem 2. Januar 2026 wurden die Ecoreno-Kredite (energetische Sanierung) dank einer gezielten Refinanzierung wieder aufgenommen. Bis mindestens 31. März 2026 ausgesetzt bleiben:
- Hypothekarkredite für den Immobilienerwerb
- ECORENO-Verbraucherkredite
- Investitionskredite für Miteigentümergemeinschaften
Rund 50.000 Haushalte in Brüssel, die auf bezahlbaren Wohnraum warten, sind direkt betroffen. Etwa zwanzig Mitarbeiter der Kreditabteilung wurden in Kurzarbeit geschickt.
Bankendruck
Im November 2024 zog Belfius eine Kreditlinie von 500 Millionen Euro beim Wohnungsfonds zurück. Andere Banken lehnten Ausschreibungen ab, um „ein Signal an die Brüsseler Politiker zu senden". Das Kreditrisiko des Fonds hat sich nicht verändert — der Druck ist politisch.
Mietzuschüsse mit Verspätung
Im Dezember 2024 erhielten rund 6.000 Bezugsberechtigte ihren Mietzuschuss nicht rechtzeitig. Die Ursache: Seit Mai 2024 (Wahljahr) war keine Haushaltsanpassung vorbereitet worden. Die Kassen waren leer. Die Zahlungen erfolgten schließlich Anfang Januar 2025 dank der vorläufigen Zwölftel.
Was trotz allem erreicht wurde
- 2.000 neue Sozialwohnungen zwischen 2020 und 2024 fertiggestellt
- 7.500 Wohnungen saniert im gleichen Zeitraum
- 2.327 Familien 2024 in eine Sozialwohnung eingezogen
- 2 Milliarden Euro in den sozialen Wohnungsbau investiert 2020–2024
- Die Mietrechtsreform (Wohnungsgesetz) trat am 1. November 2024 in Kraft, noch vor den Wahlen verabschiedet
Was blockiert ist
- Alliance Habitat: Neue Phasen eingefroren (ursprüngliches Ziel: 6.720 neue öffentliche Wohnungen für 953 Millionen EUR)
- Neue Bauprojekte: In Wartestellung selbst mit erteilten Genehmigungen
- Reform des Mietzuschusses: Keine strukturelle Überarbeitung möglich
- PAD (Richtpläne): Gare du Midi, Heysel eingefroren
- SLRB verschuldet mit 195 Millionen EUR, gezwungen, die Standorte Ariane und Palais zu verkaufen (~52 Millionen EUR), einschließlich nahezu fertiggestellter Projekte
Warum dies wichtig ist
Wohnen ist der größte Ausgabenposten der Brüsseler Haushalte. Wenn 10 % der Bevölkerung auf eine Sozialwohnung warten und das wichtigste Finanzierungsinstrument stillsteht, vertieft jeder Monat ohne Regierung eine soziale Schuld, deren Abbau Jahre dauern wird.
Quellen
- SLRB — Statistischer Bericht der SISP 2024(abgerufen am 6. Februar 2026)
- IBSA — 55.572 Haushalte auf der Warteliste (Jan. 2025)(abgerufen am 6. Februar 2026)
- VRT — Rekord von 62.234 Haushalten auf der Warteliste (Feb. 2026)(abgerufen am 6. Februar 2026)
- RTBF — Wohnungsfonds: Kreditaussetzung (Jul. 2025)(abgerufen am 6. Februar 2026)
- BX1 — 6.000 Mietzuschüsse verspätet ausgezahlt (Dez. 2024)(abgerufen am 6. Februar 2026)
- Wohnungsfonds — Kreditaussetzung(abgerufen am 6. Februar 2026)
Letzte Aktualisierung: 8. Februar 2026
Was BGM nicht sagt
Diese Karte sagt nicht, dass die Wohnungskrise mit der Regierungskrise entstanden ist — das Defizit an Sozialwohnungen ist strukturell und besteht seit längerem. Sie dokumentiert, dass das Fehlen einer Regierung jede neue politische Antwort auf eine sich verschlechternde Situation verhindert.
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