Armut: Brüssel, die am stärksten betroffene Hauptstadtregion der EU
Armutsgefährdungs- oder soziale Ausgrenzungsquote (AROPE)
| Einheit | Wert | Datum |
|---|---|---|
| BE1 | 28,8 % | 31. Dezember 2023 |
| AT1 | 17,3 % | 31. Dezember 2023 |
| FR1 | 14,8 % | 31. Dezember 2023 |
| DE3 | 13,7 % | 31. Dezember 2023 |
| NL3 | 13,6 % | 31. Dezember 2023 |
Methodik
Vergleich der AROPE-Quote (At Risk of Poverty or Social Exclusion) auf NUTS-1-Ebene, auf Grundlage der von Eurostat harmonisierten EU-SILC-Erhebung. Der AROPE-Indikator kombiniert drei Dimensionen: das monetäre Armutsrisiko (Einkommen unter 60 % des nationalen Medianeinkommens), schwere materielle und soziale Deprivation sowie eine sehr geringe Erwerbsintensität. Die Daten werden auf NUTS-1-Ebene veröffentlicht, was bedeutet, dass einige Vergleichsregionen größer sind als die Hauptstadt allein.
Vergleichbarkeitsgrenzen
Die Daten beziehen sich auf die NUTS-1-Ebene und nicht auf NUTS-2. Für Brüssel (BE1), Berlin (DE3) und Île-de-France (FR1) entspricht NUTS-1 de facto der Hauptstadtregion. Hingegen umfasst AT1 (Ostösterreich) neben Wien auch Niederösterreich und das Burgenland, und NL3 (West-Nederland) schließt die Provinzen Utrecht, Südholland und Noord-Holland ein — diese Werte sind daher im Vergleich zur Hauptstadt allein verdünnt. Die Armutsschwelle wird im Verhältnis zum nationalen Medianeinkommen berechnet, was in Ländern mit großen regionalen Unterschieden zu abweichenden Ergebnissen führen kann.
Kontext
Die AROPE-Quote (At Risk of Poverty or Social Exclusion) ist der Referenzindikator der Europäischen Union zur Messung sozioökonomischer Verwundbarkeit. Sie kombiniert drei komplementäre Dimensionen: monetäre Armut, schwere materielle Deprivation und eine sehr geringe Erwerbsintensität des Haushalts. Eurostat veröffentlicht diese Daten auf NUTS-1-Ebene über die EU-SILC-Erhebung.
Die verglichenen Daten
Mit einer AROPE-Quote von 28,8 % im Jahr 2023 hebt sich die Region Brüssel-Hauptstadt deutlich von den anderen europäischen Hauptstadtregionen ab. Die Brüsseler Quote ist:
- Mehr als doppelt so hoch wie die von Berlin (13,7 %) und West-Nederland (13,6 %)
- Fast doppelt so hoch wie die von Île-de-France (14,8 %)
- 67 % höher als die von Ostösterreich (17,3 %), das zudem weniger wohlhabende ländliche Gebiete umfasst
Fast 3 von 10 Brüsselern leben in einer Situation des Armuts- oder sozialen Ausgrenzungsrisikos — eine Zahl, die im Kontrast zum höchsten BIP pro Kopf aller dieser Regionen steht.
Die bestätigte Paradoxie
Dieser Vergleich verstärkt das „Brüsseler Paradoxon", das bereits in den BIP-Daten sichtbar war: Die Region, die den meisten Wohlstand pro Kopf erzeugt, konzentriert zugleich die meiste Armut. Mehrere Faktoren erklären diese Situation:
- Der Pendlereffekt: Der in Brüssel erzeugte Wohlstand kommt großenteils Nicht-Einwohnern zugute, die sich auf den flämischen und wallonischen Speckgürtel verteilen.
- Die demografische Struktur: Brüssel konzentriert eine junge, vielfältige und teilweise gering qualifizierte Bevölkerung in einem Arbeitsmarkt, der Zweisprachigkeit verlangt.
- Die Wohnkosten: Bei einer durchschnittlichen privaten Miete von 1 346 €/Monat und einer Eigentumsquote von nur 40 % verschlingt das Wohnen einen unverhältnismäßig großen Anteil des Einkommens bescheidener Haushalte.
- Die institutionelle Blockade: Das Fehlen einer Regionalregierung seit Juni 2024 verhindert jede strukturelle politische Antwort auf diese Verwundbarkeit.
Das Gewicht der materiellen Deprivation
Über die monetäre Armutsschwelle hinaus erklären 38,3 % der Brüsseler, nicht in der Lage zu sein, eine unerwartete Ausgabe von 1 100 € zu bewältigen, gegenüber 13,2 % in Flandern. Diese konkrete Verwundbarkeit äußert sich in Schwierigkeiten beim Zugang zu Gesundheitsversorgung, Wohnraum und qualitativer Ernährung.
Grenzen des Vergleichs
Die NUTS-1-Ebene erzeugt ungleiche Perimeter. Für Brüssel, Berlin und Île-de-France entspricht NUTS-1 der Hauptstadtregion. Für Österreich und die Niederlande umfasst NUTS-1 größere Gebiete, was die Ergebnisse verdünnt. Ein strikt auf die Hauptstädte begrenzter Vergleich würde wahrscheinlich höhere Armutsquoten für Wien und Amsterdam ergeben als die hier dargestellten.
Quellen
- Eurostat, EU-SILC — Armutsgefährdungs- oder soziale Ausgrenzungsquote nach NUTS-1-Region (ilc_li41), Daten 2023, extrahiert im Februar 2026
- Statbel, EU-SILC 2025 — Belgische Regionaldaten
- Observatorium für Gesundheit und Soziales, Sozialbarometer 2025
Quelle: Eurostat — ilc_li41
Zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2026